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Matthias Matzak: das neue frankfurt
 

Das neue Frankfurt

Zwischen 1925 und 1932 war Frankfurt am Main eine die Kultur der Weimarer Republik mitprägende Hochburg zeitgemäßer Architektur und Städtebauprogramme. Während der Ära des liberalen Oberbürgermeisters Ludwig Landmann (1868-1945) erhielt die Stadt einen beispiellosen Schub in die Moderne, der unter dem Begriff Das Neue Frankfurt in die Architektur- und Kulturgeschichte einging.

Er verbindet sich mit dem Namen des Stadtbaurats Ernst May (1886-1970), der, mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, die Bauverwaltung neu ordnete und die Zeitschrift Das Neue Frankfurt – propagandistisches Sprachrohr eines radikalen Wohnungs- und Städtebauprogramms – gründete. Nach dem englischen Vorbild lagerte May um die Frankfurter Kernstadt sogenannte Trabanten, die ein gesundes Leben und Wohnen in der grünen Peripherie versprachen. Normierung und Typisierung von Bauteilen und Grundrissen sollten eine wirtschaftlichere Wohnungsproduktion ermöglichen.

Auf zahlreichen Gebieten wurde damals Pionierarbeit geleistet, die viel beachtete Vorbilder avantgardistischer Architektur hervorbrachte: Entwicklung familiengerechter Wohnungsgrundrisse, Entwurf der ersten Standardküche, industrielle Vorfertigung des Rohbaus, funktionales Mobiliar, integrierte Stadt- und Grünplanung, etc. Zahlreiche Architekten der Moderne ließen sich in Frankfurt nieder. Zu den Mitarbeitern am Neuen Frankfurt gehörten Max Cetto, Ferdinand Kramer, Adolf Meyer, Leberecht Migge, Margarete Schütte-Lihotzky, Walter Schwagenscheidt, Mart Stam und andere. Ein einheitliches Erscheinungsbild der kubisch-schlichten, flach gedeckten Wohnbauten unterstrich die ehrgeizigen und radikalen Ziele.

Dafür mussten andere öffentliche Projekte zurückstehen und Teile der traditionellen Bauwirtschaft fühlten sich ausgegrenzt. Mit den finanziellen Problemen erstarkte auch die stadtinterne Kritik an den modernen Experimenten. Trotz einer beachtlichen Wohnungsproduktion änderte sich an dem Dilemma der Wohnungsnot wenig, was auch daran lag, dass die Mieten für die neuen Behausungen eher in der Gehaltsklasse von Facharbeitern und Angestellten lagen. Mit zunehmendem Widerstand und vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise zog May es vor, 1930 als Chefingenieur des Städte- und Siedlungsbaus in die UdSSR zu wechseln, was auch den Anfang vom baldigen Ende des Neuen Frankfurts bedeutete.

Jörg Schilling